Kostenfalle Verlage: Wissenschaftler sollten ihre Publikationspraxis kritisch hinterfragen

Open AccessDie Elite-Universität Harvard, die nach Stiftungsvermögen reichste Hochschule der USA, hat bibliotheks- und hochschulpolitisch international für Wirbel gesorgt. Der Fakultätsrat hatte Ende April in seinem „Memorandum on Journal Pricing“ angekündigt aus Kostengründen Zeitschriftenabos großer Wissenschaftsverlage abzubestellen. Jetzt hat sich das Direktorium des Zentrums Mathematik der Technischen Universität München (TUM) zu einem Befreiungsschlag durchgerungen. Man habe „aufgrund unzumutbarer Kosten und Bezugsbedingungen“ alle abonnierten Elsevier-Zeitschriften ab 2013 gekündigt, heißt es auf einer Internetseite des Zentrums. Dass die Unibibliothek Kassel gerade im Zeitschriftenbereich ebenfalls mit kontinuierlich steigenden Erwerbungskosten zu kämpfen hat, ist in diesem Kontext nicht weiter verwunderlich. Aber sowohl in Cambrigde als auch in Kassel geht es vor allem um längst vorhandene Alternativen zur Verlags-Abzocke: Open Access.

Harvard soll Open-Access-Leuchtturm werden„, titelte der IT-Newsticker Heise online in Bezug auf die aktuelle Debatte. Open Access (OA) steht für den unbeschränkten und kostenlosen Zugang zu wissenschaftlicher Information im Internet. Das klingt erst einmal gut, ist aber trotzdem für viele Wissenschaftler nicht besonders sexy. Sie veröffentlichen lieber in bekannten Verlagen mit einem wohlklingenden Namen. Die Folge ist, dass die öffentliche Hand doppelt zahlt: Zum einen wird die Forschung mit Steuergeldern finanziert, zum anderen werden die Forschungsergebnisse in Form der Verlagspublikationen teuer aus privater Hand zurückgekauft. Das ist natürlich etwas zugespitzt, aber genau an dieser Stelle hat Harvard nun ein Stopp-Schild aufgestellt.

Die Alternative Open Access sieht so aus: Wissenschaftler veröffentlichen ihre Aufsätze, Konferenzbeiträge, Dissertationen und dergleichen auf dem Hochschulschriftenserver, in der Regel im Portablen Dokument-Format (PDF). Die Publikation ist weltweit verfügbar (nicht nur für Bibliotheksnutzer), langzeitarchiviert und zitierfähig. In Kassel trägt die OA-Alternative den Namen KOBRA (Kasseler OnlineBibliothek, Repository und Archiv). Wie man erfolgreich mit KOBRA publiziert, hat die Kunsthistorikerin Katja Marek vorgemacht. Am Ende hatte sie nicht nur eine größere Resonanz als erwartet, sondern auch einen renommierten Verlag, der ihre Arbeit als Buch herausbrachte. Das Beispiel zeigt, dass sich Open Access und Print-Publikationen nicht ausschließen müssen.

Die Kasseler Unibibliothek erfüllt mit KOBRA eine Forderung der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG). Demnach sollen Wissenschaftler ihre Forschungsergebnisse nach Möglichkeit auch digital und für Nutzer entgeltfrei über das Internet bereitstellen. Die DFG ist Mitunterzeichnerin der „Berliner Erklärung über den offenen Zugang zu wissenschaftlichem Wissen„.

Hinter KOBRA verbirgt sich übrigens das gleiche System, das Harvard für die OA-Publikationen nutzt: DSpace, eine freie Dokumentenserver-Software. Die reiche US-Uni hat ihr Repository DASH (Digital Access to Scholarship at Harvard) genannt.

Fazit: Die großen Wissenschaftsverlage wie De Gruyter, Elsevier, Springer und Wiley zu kritisieren greift sicher zu kurz. Die Forscher sollten selbst ihre Publikationspraxis kritisch hinterfragen. Sie sollten sich vor allem die alte Frage des römischen Konsuls Cicero stellen: Cui bono? – Wem nützt es? Und dann eigene Schlüsse ziehen. KOBRA steht bereit.

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