Bibliothek als Beruf: von der Biologin zur Bibliothekarin

Die Berufsfelder in wissenschaftlichen Bibliotheken sind vielfältiger, als man gemeinhin denkt. Gerade Naturwissenschaftler und Ingenieure sind an den Zentralstellen gesammelten Wissens gefragte Leute. Jetzt hat Stefanie Bräuning-Orth, Diplombiologin und Fachreferentin an der UB Kassel, Studierenden im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Berufsfelder der Biologie“ das Berufsbild des Wissenschaftlichen Bibliothekars anhand ihres eigenen Werdegangs erläutert. „Eigentlich hatte ich mir das ganz anders vorgestellt“, begann sie ihren Vortrag.

Stefanie Bräuning-Orth öffnet im Hörsaal 282 im AVZ ihr Familienalbum: Auf der ersten Folie ihrer Präsentation sind viele Bilder zu sehen. Frau Bräuning-Orth als eineinhalbjähriges Mädchen im Kaninchenstall. Dann Bilder, auf denen sie Kühe und eine Ziege füttert, eine Schildkröte hochhebt, zwei Küken auf der Schulter trägt und zusammen mit ihrem Vater, der ein Huhn im Arm hält. Und schließlich präsentiert sie als Teenager freudestrahlend eine Vogelspinne auf ihrer Handfläche. „Mein Vater hat mir gezeigt, wie man Glühwürmchen findet. Wir haben Hühner gehalten, eine Amsel großgezogen und Pilze gesammelt“, erzählt sie. Im Alter von 12 Jahren bekam sie ihr erstes Mikroskop. Der Vater hat  ihr Flora und Fauna nahe gebracht und die Freude an der Natur war Stefanie Bräuning-Orth quasi mit in die Wiege gelegt worden. Zum Biologiestudium war es nach dem Abi dann nur noch ein kleiner Schritt.

Hörsaal AVZ Uni Kassel
Kasseler Biologiestudenten informierten sich am 9. Juli im AVZ über die Laufbahn des wissenschaftlichen Bibliothekars.

Im Hörsaal ist es still geworden. So viel Persönliches bekommen die Studierenden sonst nicht zu hören. „Ich weiß, wie es ist, an Ihrer Stelle zu sein“, erzählt die 39-Jährige. Das meint sie wörtlich. Stefanie Bräuning-Orth hat nämlich in den Jahren 1992-98 an gleicher Stelle studiert und ihr Diplom in Mikrobiologie bei Professor Friedrich Schmidt gemacht. Es folgte ein Ergänzungsstudium Wirtschaftswissenschaften und eine Tätigkeit in der freien Wirtschaft. Dann hörte sie von der Möglichkeit, ein Bibliotheksreferendariat in der Universitätsbibliothek Kassel zu machen. Naturwissenschaftler seien gesucht.

Stefanie Bräuning-Orth in der Langen Schreibnacht
Stefanie Bräuning-Orth beim Verteilen der Namensschilder in der Langen Schreibnacht

Im Oktober 2008 trat die Diplombiologin in das Bibliotheksreferendariat ein und absolvierte 2010 die Laufbahnprüfung. Der zweijährige Vorbereitungsdienst in Form eines Referendariats stellt den klassischen Weg zur Ausbildung einer wissenschaftlichen Bibliothekarin dar, einem Beruf im Beamtenstatus des höheren Dienstes. Im hessischen Bibliotheksreferendariat sind praktische und theoretische Ausbildungsabschnitte eng miteinander verzahnt:  Neben der praktischen Ausbildung an der Universitätsbibliothek Kassel absolvierte Frau Bräuning-Orth den zweijährigen Masterstudiengang Bibliotheks- und Informationswissenschaft an der Humboldt-Universität zu Berlin in Form eines Fernstudiums. Des Weiteren standen  praxisbegleitender Unterricht an verschiedenen hessischen Universitätsbibliotheken sowie diverse Praktika auf dem Programm. Stefanie Bräuning-Orth absolvierte ihre Praktika in der Stadtbibliothek in Kassel und im Tierstimmenarchiv des Berliner Naturkundemuseums. Im Hörsaal tuscheln die Studierenden. Zu sehen ist ein Bild aus der Stadtbibliothek. Die Referendarin sitzt an einem niedrigen Tisch vor einem großen Blatt Papier und malt, umringt von zahlreichen Kindern. Das Zeichnen gehört zu ihrem Hobby, das sie sogar in der UB Kassel regelmäßig einbringt. Das PUMA-Logo und das Plakat für die Lange Schreibnacht mit der Schreib-Eule stammen von ihr.

Lange Schreibnacht-Logo UB Kassel
Ihr Hobby bringt Stefanie Bräuning-Orth auch im Beruf ein: Sie hat das Logo für die Lange Schreibnacht, die Kasseler Bibliothekseule, gezeichnet.

Der Beruf der Fachreferentin in einer wissenschaftlichen Bibliothek war Stefanie Bräuning-Orth als Biologiestudentin völlig unbekannt. Nie hätte sie sich vorgestellt, später einmal mit dem Bio-Diplom Bibliothekarin zu werden. Heute betreut Stefanie Bräuning-Orth neben der Biologie die Fächer Agrarwissenschaften, Chemie, Physik, Mathematik und Sportwissenchaften sowie Naturwissenschaften allgemein. Als Fachreferentin ist sie für die Auswahl, Erschließung und Vermittlung der Fachliteratur in diesen Bereichen zuständig und steht zu diesem Zweck im ständigen Kontakt mit Vertretern der betreffenden Fachbereiche. Jedoch ist das klassische Fachreferat längst nicht mehr das einzige Betätigungsfeld wissenschaftlicher Bibliothekare. So leitet Stefanie Bräuning-Orth, die vor ihrem Referendariat mehrere Jahre im Bereich der Webentwicklung tätig war, unter anderem das Webteam der UB. Im Rahmen dieser Tätigkeit hat Sie beispielsweise eine Online-Bestellmöglichkeit für den Internen Leihverkehr erstellt, sodass die Nutzer nicht mehr Zettel ausfüllen müssen, um Bücher aus anderen Bibliotheksstandorten an den Holländischen Platz zu bestellen. Sie können jetzt bequem das Internetformular benutzen. Auch das ‚Elektronische Wunschbuch‘, über das die Bibliotheksnutzer Anschaffungsvorschläge für Bücher einreichen können, wurde von ihr dahingehend erweitert, dass die Wünsche nun je nach Fachgebiet automatisch an den zuständigen Fachreferenten geschickt werden.

Nachgespräch: Stefanie Bräuning-Orth (links) mit den Studierenden Katharina Kusnezow und Christian Bringmann im AVZ-Hörsaal 282.

„Woran denken Sie, wenn Sie an eine Bibliothekarin denken?“, fragt die Fachreferentin in den Hörsaal hinein. Auf der Leinwand projiziert der Beamer das typische Klischee: Eine Bibliothekarin mit Brille und Dutt, die Bücher abstaubt. Stefanie Bräuning-Orth zeigt, was es jenseits der Klischees an Aufgaben gibt: neben der Erwerbung von Büchern zum Beispiel die Pflege der Internetseiten, Informationsvermittlung (Schulungen) sowie Organisations- und Managementaufgaben. Im Anschluss an die Präsentation wurde Stefanie Bräuning-Orth noch zu einer gefragten Gesprächspartnerin bei den Studierenden. Offensichtlich haben die Berufsmöglichkeiten in der Bibliothek einiges Interesse geweckt.

 

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