Open Access Week 2018 – Tag 3

Ein Beitrag von Arvid Deppe, Stellvertretender Leiter der Abteilung III: Digitale Bibliotheksdienste, Referat Forschungsdatenmanagement, Fachreferent für Klassische Philologie, Allgemeines, Informations- und Bibliothekswissenschaft

Big Deals und die Großverlage
Wer derzeit auf einen aktuellen Artikel aus dem Hause Elsevier zugreifen möchte, wird enttäuscht – in Kassel und an etwa 200 weiteren deutschen Universitäten, Hochschulen und Forschungseinrichtungen. Diese haben aus Protest gegen die Preis- und Verhandlungspolitik von Elsevier zuletzt großflächig ihre Abonnements beim niederländischen Großverlag gekündigt. Wie kam es dazu?

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Seit den 1980er Jahren hat im Bereich wissenschaftlicher Zeitschriften die Marktkonzentration massiv zugenommen. Wurden in den 1970ern nur etwa 20% der naturwissenschaftlichen und medizinischen Artikel von den fünf größten Verlagen veröffentlicht, waren es 2013 schon 53%. Für 47% zeichnen allein Elsevier, Springer und Wiley verantwortlich. Steigende Preise bei gleichzeitigen Gewinnspannen von 30-40% zeigen deutlich, wessen Vorteil diese Marktmacht dient. Intransparente Preismodelle und Geheimhaltungsklauseln erschweren zusätzlich Verhandlungen auf Augenhöhe.

Mit DEAL hat die Allianz der deutschen Wissenschaftsorganisationen, vertreten durch die Hochschulrektorenkonferenz (HRK), deshalb ein Projekt ins Leben gerufen, das die Verhandlungsstärke eines bundesweiten Konsortiums nutzen soll, um – zunächst mit den drei publikationsstärksten Verlagen – Lizenzverträge für das gesamte Portfolio elektronischer Zeitschriften auszuhandeln. Das angestrebte Publish & Read-Modell beinhaltet nicht nur dauerhaften Zugriff aller DEAL-Einrichtungen auf alle Volltexte (Read), sondern auch die automatische OA-Verfügbarkeit aller Publikationen von Erstautorinnen und -autoren aus deutschen wissenschaftlichen Einrichtungen (Publish).

Im Frühjahr 2016 begannen die Verhandlungen mit Elsevier, im Jahr darauf mit Springer und Wiley. Mit den beiden letztgenannten sind die Verhandlungen auf einem eher guten Weg – zumindest besteht grundsätzliche Einigkeit hinsichtlich der Transformationsdynamik des Marktes und der Modelllogik. Von einer Einigung mit Elsevier ist die Projektgruppe dagegen deutlich weiter entfernt. Die grundlegenden Differenzen hinsichtlich des Finanzrahmens, eines angemessenen Leistungsumfangs und der Zielsetzung (Transformation) führten nach zwei Jahren im Juli 2018 sogar zur Unterbrechung der Verhandlungen. Schon während dieser Verhandlungen hatten die beteiligten Einrichtungen Konsequenzen aus den offenkundig unvereinbaren Positionen gezogen: zum Ende 2016 kündigten ca. 70, zum Ende 2017 weitere 130 wissenschaftliche Einrichtungen ihre Elsevier-Abonnements.

Der Verlag – der die Zugriffe auch auf aktuelle Zeitschriften zunächst weiter hatte bestehen lassen, sperrte den gut 200 vertragslosen Einrichtungen nach Abbruch der Verhandlungen seinerseits die Zugänge. Große Proteste blieben seitdem aus. Dies liegt zum einen sicher am wachsenden Bewusstsein für die Problematik und die Handlungsnotwendigkeit, zum anderen an der „Schadensbegrenzung“ durch die Bereitstellung alternativer Zugriffe, an der UB Kassel z.B. über die extra eingerichtete kostenlose Fernleihe für Elsevier-Inhalte.

Die Preispolitik Elseviers hat über die Jahre verschiedene Protestaktionen hervorgerufen, wie die Boykottaufrufe cost of knowledge und #nodealnoreview oder Rücktritte von Wissenschaftler/innen als Herausgeber/innen. Kündigungen jedoch sind in dieser Konsequenz und hochschulübergreifenden Einigkeit neu. Entsprechend sorgt die Initiative weltweit für Aufmerksamkeit. Offiziell erklären beide Seiten weiterhin ihre Gesprächsbereitschaft, ob und ggf. wann es zu einem DEAL kommen wird, ist aber ungewiss. Für Ende 2018 sind weitere Kündigungen u.a. großer Player wie der Max-Planck-Gesellschaft und der Fraunhofer-Gesellschaft zu erwarten, die sicherlich nicht ohne entsprechendes Medienecho vonstattengehen und den Druck auf Elsevier noch einmal erhöhen dürften.

Welche Möglichkeiten Autor/innen neben OA-Zeitschriften haben, Ihre Publikationen selbst OA zu veröffentlichen, was dabei zu beachten ist und was Repositorien sonst noch bieten, lesen Sie morgen im UB-Blog.

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