Wissen zu bewahren und nachhaltig weiterzugeben – diesem Anspruch stellt sich das UniArchiv der Universität Kassel. Innovative Konzepte und der Blick auf die Geschichte prägen das Profil und die Arbeit des Archivs.

Kasseler Schule
1980 legten die jungen Stuttgarter Architekten Horst Höfler und Lutz Kandel einen Planungsentwurf zur Umnutzung der alten Henschel-Werke als Stadtcampus für die Gesamthochschule Kassel vor. Weil dem Hochschulbauamt Ideen wie ein Salat- und Kräuterbeet zur Versorgung der Mensa utopisch erschienen, schrieb es die Freiraumplanung 1981 neu aus. Das Siegerkonzept der beiden Landschaftsplaner Hartmut Kreikenbaum und Georg Heinemann setzte auf robuste, leicht pflegbare und vielseitig nutzbare Böden auf der Grundlage einer lokalen Saatgutmischung. Dafür ernteten die Studierenden des Fachbereichs Stadtplanung/Landschaftsplanung ab 1986 im Umland Gräser und säten sie anschließend auf dem Campus aus. Zur weiteren Pflege der Grünflächen gründete sich unter der Federführung von Prof. Karl Hülbusch die „Arbeitsgemeinschaft Vegetation und Freiraum“. Ihr affirmativer Umgang mit spontaner Vegetation wurde später namensgebend für die „Kasseler Schule der Landschafts- und Freiraumplanung“.
Eine im Jahr 2025 dem UniArchiv übergebene Diasammlung dokumentiert die Aktionen der Studierenden, deren Spuren in den Innenhöfen nach wie vor lesbar sind. Bei der ersten Sichtung der Sammlung schienen die Analogien zu den archivischen Geschäftsprozessen verblüffend: Gräser auswählen, die vor Ort gut wachsen, sie trocken verwahren und verzeichnen, um sie anschließend wieder auszusäen. Archivierung als Fortsetzung der Aussaaten der 1980er Jahre mit bürokratischen Mitteln? Dieser Parallelismus gab den Anstoß für die Marketingkampagne Ernte und Aussaat, die dank einer Kooperation mit der teilautonomen Kunsthochschule durchgeführt werden konnte. Annabell Wicke hat für alle Kernaufgaben anhand historischer Aufnahmen der Aussaat Key Visuals entworfen. Diese illustrieren den folgenden Tätigkeitsbericht der Wachstumsphasen des UniArchivs.
Anlegen
Die erste Episode dieser Reihe war der Initialisierung des Aufbauprojekts gewidmet: Rechts- und Arbeitsgrundlagen (Satzung, Benutzungsordnung, Aktenplan) schaffen, Workflows entwickeln, eine Website anlegen und Personal gewinnen. Maßnahmen wie diese bilden ein notwendiges Fundament – in Anlehnung an den von den Landschaftsarchitekten verlegten Kalkschotter.

Ernten
Neben regulären Zugängen ist es gelungen, Vor- und Nachlässe der Gründungsgeneration der Gesamthochschule Kassel zu sichern (hier sind u. a. die Ausnahmearchitekten Peter Latz, Gernot Minke und Paulfriedrich Posenenske zu nennen). Ergänzungen bilden verwandte Bestände wie der Zugang der 2023 aufgelösten Universitätsgesellschaft Kassel. Dazu zählen auch eine Plakatsammlung der Kunsthochschule sowie eine Fotosammlung der Stabsstelle Kommunikation und Marketing, die im Rahmen einer Citizen-Science-Veranstaltung erschlossen wurde. Außerdem startete 2024 ein Oral-History-Projekt, mithilfe dessen Überlieferungslücken kompensiert werden sollen. Im selben Jahr hat sich zudem unter der Leitung des UniArchivs ein Arbeitskreis Dokumentenmanagementsystem konstituiert, um das Verbundprojekt der hessischen Hochschulen zur Einführung eines Dokumentenmanagementsystems archivisch zu betreuen. Er soll die Überlieferungsbildung zukunftsfest zu machen.

Konservieren
Bis zum jetzigen Zeitpunkt ist das Archivgut provisorisch in der Campusbibliothek untergebracht. Ziel ist es, einen Bereich in dem unsanierten Bauteil A zu einem Archivtrakt mit Büroflächen, einem Multifunktionslesesaal und einem Magazin mit einer Kapazität von 2. 000 lfm. Archivgut zu ertüchtigen. Während dieses Projekt noch in der Planungsphase steckt, konnten in Bezug auf die Einrichtung des Digitalen Magazins bereits wichtige Fortschritte erzielt werden: Im laufenden Jahr wurden erste Pilot-Ingests durchgeführt, um im Jahr 2026 im Verbund der hessischen Universitäten (DAHH) das Digitale Magazin (DIMAG) in Betrieb nehmen zu können.

Verzeichnen
Im Gegensatz zu anderen neu gegründeten Hochschularchiven in Hessen konnte das UniArchiv Kassel auf einen im Hessischen Staatsarchiv Marburg deponierten Grundstock zurückgreifen, der 2022 rückgeführt worden war. Um eine schnelle Recherchierbarkeit der Gründungsakten herzustellen, wurde ein bestehendes Aktenverzeichnis retrokonvertiert und für Arcinsys aufbereitet. Die Bestände wurden dabei mit sprechenden Siglen wie Gre (Gremien) oder Fin (Finanzen) versehen, die Archivalien neu signiert und in eine funktionale Tektonik eingegliedert. An die Retrokonversion schloss sich eine richtliniengestützte Nacherschließung an, in deren Zentrum die Verknüpfung der Provenienzen mit der GND steht.

Aussäen
Für die Nutzenden wurde 2024 ein gesonderter Pop-up-Lesesaal in der Campusbibliothek eingerichtet. Darüber hinaus steht, finanziert aus Mitteln zur Verbesserung der Qualität der Studienbedingungen und der Lehre, ein Projekt mit dem Fachgebiet Historische Bildungsforschung und die die Zusammenarbeit mit der Forschungsstelle „Geschichte Ökologisches Bauen“ Modell für eine kooperative Aufarbeitung und Vermittlung der Geschichte der Universität Kassel. Eine Erweiterung der Nutzendenkreise erwartet sich das UniArchiv von einer geplanten Lehrveranstaltung mit der Klasse Comic/Illustration in Vorbereitung auf das 250. Jubiläum der Kunsthochschule, für die das Preisgeld des Hessischen Archivpreises verwendet wird.

Profilbildung
Die Gesamthochschule Kassel, an der 1980 der erste Lehrstuhl für ökologische Landwirtschaft in der Bundesrepublik eingerichtet wurde und zwei Jahre später die ersten Lehrveranstaltungen zum ökologischen Bauen stattfanden, ist seit ihrer Gründung ökologischer Vorreiter. Ihr Leitbild orientiert sich bis heute an der ökologischen, ökonomischen und sozialen Nachhaltigkeit. Dieses Profil wird von der Einrichtung des „Kassel Institute for Sustainability“ 2023 unterstrichen, für das 17 Nachhaltigkeitsprofessuren ausgeschrieben werden.
Archive sind per se Nachhaltigkeitseinrichtungen. Ihr Mehrgenerationenauftrag verbindet die Stimmen der Geschichte mit den Nutzenden der Zukunft. Ein hochschulspezifisches Handlungsfeld zur Umsetzung dieses Auftrags ist das Wissensmanagement. Hochschularchive tragen dazu bei, dass Wissen – die Leitwährung einer jeden Hochschule – möglichst lange im Umlauf, also nachnutzbar bleibt. Dieses Merkmal wurde vom UniArchiv in Kassel mit seinem Claim „Wissen nachhalten“ aufgegriffen und in der hier dargestellten Kampagne „Ernte und Aussaat“ nach außen kommuniziert. In der Praxis äußert sich diese Selbstverpflichtung in einer Prüfung der archivischen Maßnahmen auf ihre Nachhaltigkeitseffekte. Als Ergebnis wurden bestimmte Dokumentationsbereiche – wie beispielsweise das ökologische Bauen – im Dokumentationsprofil priorisiert, der Archivumbau gegenüber dem Neubau favorisiert, eine faire Nachnutzbarkeit der Findmittel hergestellt und die Nachhaltigkeitsgeschichte der Universität Kassel aktiv aufgearbeitet. Außerdem bringt das UniArchiv seine Nachhaltigkeitskompetenz seit diesem Jahr im „Steuerkreis nachhaltiger Betrieb und Campus“ der Universität ein.
Die eingangs geschilderte Marketingkampagne „Ernte und Aussaat“, aber auch alle anderen Nachhaltigkeitsmaßnahmen wie der Versuch, Transparenz in der Überlieferungsbildung herzustellen, haben ihre Vorbilder in der Geschichte der Universität Kassel. Der strategische Aufbau eines Archivs und Quellenarbeit können eng miteinander verflochten sein. Für diese Erkenntnis brauchte es einen metaphorisch lesbaren Zugang aus dem Jahr 2025. Diese Analogie steht in einer langen Tradition organizistischer Archivmetaphern und ermöglicht ihre vegetative Neudeutung. Wer sich inspirieren lassen möchte, kann die Dias und Fotos zur Aussaat am Campus Holländischer Platz bei uns im Lesesaal einsehen.
Ein Beitrag von Dr. Peter Wegenschimmel

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