Am 03.06.1845 verfassten die Brüder Karl und Friedrich Murhard ihr Testament, in dem sie der Stadt Kassel ihr gesamtes Vermögen vermachten. Sie machten zur Auflage, dieses in einen Fonds, die „Murhardsche Stiftung“, zu überführen und zu verwalten: „Die Zinsen der Murhardschen Stiftung sollen verwendet werden zur Bildung und Unterhaltung einer der Stadt Kassel … angehörigen Bibliothek“.[1]

Sie bestimmten: „Die Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel soll eine öffentliche sein, sie soll … dem gesammten Publicum zum Gebrauch und zur Benutzung offen stehen“.[2]. Besonders wichtig war ihnen, dass das Ziel ihrer Stiftung, – die Gründung und der Betrieb einer öffentlich zugänglichen Bibliothek – für die Bürger der Stadt Kassel dauerhaft gewährleistet und überwacht wird. Um dies sicherzustellen, legten die Brüder Murhard fest, dass ein Gremium über ihre Bestimmungen und Anordnungen wachen solle – die Testamentswächter: „Zu Executoren und künftigen Wächtern und Beschützern dieses unsers Testaments … bestellen wir drei unserer Mitbürger … mit allen Befugnissen, Rechten und Attributionen, die englischen Trustees zustehen.“[3] Weiter heißt es im Testament: „Diese drei Vertrauens-Männer werden ein Kollegium für die genaue Vollziehung, Ausführung und Aufrechterhaltung unseres letzten Willens bilden, welches niemals ausstirbt, indem dasselbe sich für alle Zukunft durch eigene freie Wahl selbst ergänzt. Um zu verhüten, dass jemals in diesem Kollegium eine Lücke entstehe, haben die drei Mitglieder desselben sich im Voraus ungesäumt drei Ersatzmänner oder Stellvertreter zu erwählen, die bestimmt sind, für den Fall ihres Ablebens oder Austritts sie zu ersetzen und im Fall einer eintretenden Vakanz an ihre Stelle in das Kollegium einzutreten, auch schon bei Lebzeiten der zeitigen Testamentsvollstrecker in Verhinderungsfällen deren Funktion auszuüben.“[4] Mit dieser Vorgabe, dass die drei Testamentswächter noch zu Lebzeiten drei Stellvertreter ernennen sollen, haben die Brüder Murhard den dauerhaften Fortbestand des Gremiums sichergestellt.
Das aktuelle Kollegium der Testamentswächter umfasst derzeit fünf Männer und erstmals eine Frau. Neben den Testamentswächtern Dieter Habbe und Gert Merkel sowie der Testamentswächterin Stefanie Wenzel (Sprecherin), sind Bodo Nordmeier, Frank Schreiber und neu hinzugekommen Markus Strube ihre Stellvertreter.
Waren es in der Vergangenheit überwiegend Juristen – ganz im Sinne der ursprünglichen Intention der Brüder Murhard –, so wurde das Gremium der Testamentswächter im Laufe der Jahre auch hinsichtlich des beruflichen Hintergrunds breiter aufgestellt.
Aktuell besteht das Gremium aus den beiden Juristen Herrn Habbe und Herrn Nordmeier, dem Mediziner Herrn Schreiber, Pfarrer i. R. Herrn Merkel (nicht im Bild zu sehen) [5] sowie den Lehrkräften der Georg-Christoph-Lichtenberg-Schule Frau Wenzel und Herrn Strube.

Helmut Bernert, Studiendirektor a. D. [6], der langjährige Sprecher der Testamentswächter, ist am 04.08.2025 im Alter von 90 Jahren verstorben. Herr Bernert war nicht nur jahrzehntelanges Mitglied und Sprecher der Testamentswächter, sondern auch treibende Kraft und Sprecher des Freundeskreises der Landesbibliothek und Murhardschen Bibliothek[7] sowie Mitglied der Bibliothekskommission. Die Murhardsche Bibliothek ist ihm zu großem Dank verpflichtet. Seine Nachfolge hat seine bisherige Stellvertreterin, Frau Stefanie Wenzel, angetreten, die nun wiederum Herrn Markus Strube [8] zu ihrem Stellvertreter benannt hat.


Das Testament der Brüder Murhard ist mit dem Tode Karl Murhards am 08.02.1863 in Kraft getreten, sein Bruder Friedrich war bereits am 29.11.1853 verstorben.
Hans-Jürgen Kahlfuß beschreibt in der Zeitschrift für hessische Geschichte und Landeskunde (ZHG)[9] eindrücklich die wechselvolle Geschichte der Murhardschen Stiftung und die Bemühungen rund um die testamentarisch verbrieften Auflagen zur stiftungsgerechten Verwendung der Erbmittel.
Nachdem die Murhardsche Bibliothek mit Wirkung zum 01.01.1976 per Übernahmevertrag[10] von der Stadt Kassel in die Verwaltung des Landes Hessen übergegangen ist, bleibt die Stadt Kassel „Eigentümerin aller Bestände der MuLB“, … „diese Bestände gehen unter dem Namen „Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel“ in die Verwaltung des Landes über. Das Land verpflichtet sich, sie ordnungsgemäß zu unterhalten.“[11] Zugleich „hält [das Land Hessen] die Tradition der Murhardschen Bibliothek der Stadt Kassel aufrecht und erfüllt weiterhin ihre Aufgaben, indem es den im Testament nebst Codicill der Brüder Murhard … bestimmten Stiftungszweck wahrt.“[12]
Die Testamentswächter erfüllen auch heute noch ihren von den Brüdern Murhard angedachten Zweck, obwohl die Bibliothek durch den o.g. Übernahmevertrag längst mit der Universitäts- und Landesbibliothek zusammengeführt wurde. Die Leitung der Murhardschen Bibliothek und die Leitung der Universitätsbibliothek, Landesbibliothek und Murhardschen Bibliothek der Stadt Kassel treffen sich i.d.R. zweimal jährlich mit den Testamentswächtern zu gemeinsamen Konsultationen.
Vor einigen Jahren wurde das Erwerbungsprofil für die Murhardsche Bibliothek gemeinsam mit den Testamentswächtern und im Einklang mit dem Testament der Brüder Murhard erarbeitet sowie die Ausrichtung der Bibliothek als Bürgerbibliothek für die Bürger der Stadt Kassel bekräftigt.
So kann man mit Kahlfuß konstatieren: „Die … gute Absicht der Brüder Friedrich und Karl Murhard mit ihrer Stiftung ist in Kassel unvergessen. Dafür sorgen das erhaltene, 1905 errichtete Murhardsche Bibliotheksgebäude und die … noch immer beachtlichen … Buchbestände“[13] sowie auch weiterhin das Gremium der Testamentswächter mit Testamentswächterin.
Ein Beitrag von Martin Reymer, Leiter Murhardsche Bibliothek
[1] Vgl.: Testament der Brüder Friedrich und Karl Murhard §5, aus: 125 Jahre Murhardsche Stiftung der Stadt Kassel und ihrer Bibliothek, S. 133. https://orka.bibliothek.uni-kassel.de/viewer/image/1508930262525/137/#topDocAnchor zuletzt abgerufen: 13.04.2026
[2] Ebd., §18, S. 135
[3] Ebd., §26, S. 138
[4] Ebd.
[5] Foto Universitätsbibliothek Kassel
[6] Foto Udo Seifert
[7] Freundeskreis Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek. https://www.uni-kassel.de/ub/landesbibliothek/freunde-foerderer.html zuletzt abgerufen: 13.04.2026
[8] Foto privat
[9] Hans-Jürgen Kahlfuß: Friedrich und Karl Murhard stiften vor 150 Jahren die Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel. In: ZHG 100 ((1995), S. 105 – 116. https://www.vhghessen.de/inhalt/zhg/ZHG_100/Kahlfuss_Murhardsche_Bibliothek.pdf zuletzt abgerufen: 13.04.2026
[10] Übernahmevertrag in Staatsanzeiger für das Land Hessen, Nr. 7, S. 325 – 327
[11] Ebd., §1 (2), S. 326
[12] Ebd., §1 (4), S. 326
[13] Kahlfuß, In: ZHG 100 (1995), S. 116

Dieser Beitrag – ausgenommen Zitate und anderweitig gekennzeichnete Teile – ist unter der Creative-Commons-Lizenz Namensnennung International (CC BY 4.0) lizenziert.
Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz.
Kommentare sind geschlossen.