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Mit Giovanni Boccaccio und dem Decameron in die Isolation
Ein Beitrag von Dr. Timo Kirschberger

Die Herausforderung, sich in Zeiten von Epidemien in häuslicher Isolation abzulenken und zu unterhalten, hat unerwartet an Bedeutung gewonnen, ist aber kein neues Phänomen. Der zwischen 1349 und 1351 entstandene Decameron Giovanni Boccaccios (1313-1375) handelt von zehn jungen Menschen aus Florenz, die sich während der Pest des Sommers 1348 auf ein abgeschiedenes Landgut in die Isolation zurückziehen, “weil die Luft dort frischer, und der Vorrat an den Dingen, deren man zum Lebensunterhalt bedarf, in jetziger Zeit dort größer ist”.

The Decameron, 1492, Wikipedia Commons

Täglich soll dabei ein Mitglied der Gruppe die signoria – die Herrschaft – über den Tag erhalten, um “nach Willkür über Zeit, Ort und Einrichtung unseres Lebens [zu] verfügen und [zu] bestimmen.” Das alles geschieht unter der Prämisse: “in Lust und Freuden müssen wir leben, denn aus keinem anderen Grunde sind wir dem Jammer entflohen.” 
Die signoria des ersten Tages erhält die mit 27 Jahren älteste junge Dame der Gruppe – Pampinea. Sie bestimmt, die heißen Nachmittagsstunden damit zu verbringen, sich gegenseitig Geschichten zu erzählen, “da, wenn einer erzählt, die ganze Gesellschaft, die ihm zuhört, sich daran ergötzen kann.” Wer die signoria hat, bestimmt dabei das Thema, dem an diesem Tag alle Geschichten folgen sollen. 

Ausgehend von dieser Rahmenhandlung entfaltet Boccaccio ein Panorama von 100 Novellen, welche die jungen Florentiner einander erzählen und sich somit vorzüglich von den Schrecken der Pest ablenken. Abenteuergeschichten, glückliche und unglückliche Liebe, Streiche, die Männer und Frauen einander spielen – das Spektrum der Themen ist breit. Einerseits ermöglicht der Decameron dadurch einen wunderbaren Einblick in das hoch entwickelte und komplexe Leben im spätmittelalterlichen Norditalien und das Spannungsverhältnis zwischen Lebenswelt und Werten des aufstrebenden Bürgertums und des Adels. Andererseits sind die Geschichten so scharf beobachtet (und oft scharfzüngig formuliert), dass sie einen zeitlosen Blick auf alles Menschliche erlauben und auch heute noch bestens dazu geeignet sind, den Leser (nicht nur in der häuslichen Isolation) großartig zu unterhalten. Übrigens: Nach Ablauf der zehn Tage kehren die jungen Leute wohlbehalten nach Florenz zurück.

Links:
Text in Originalsprache
Deutsche Übersetzung – Band 1
Band 2
Band 3
Band 4
Band 5
Decameron Web der Brown University
Katalogportal KARLA

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