Homeoffice #Tipp13

LUCERNA – The Magic Lantern Webresource
Ein Beitrag von Dr. Sarah Dellmann

Glasbilder, auch Glasdias, Glaspositive, Laternbilder oder Lichtbilder genannt, erfreuten sich seit der Erfindung der Laterna Magica im 17. Jahrhundert bis weit ins 20. Jahrhundert großer Beliebtheit für Bildung und Unterhaltung. Die Laterna Magica ist der Vorläufer des Diaprojektors oder, von heute aus betrachtet, ein “analoger Beamer” bzw. die PowerPoint-Präsentation des 17. bis 20. Jahrhunderts.

Laterna Magica Aufführung
Ein Vortragsabend mit Lichtbildern. Zeichnung aus dem Katalog des Herstellers
McAllister (1887), S. 14. Quelle: https://www.archive.org/stream/cataloguepriceli00thmc

Trotz der weiten Verbreitung ist dieses Medium kaum erforscht und wenig dokumentiert. Die LUCERNA Magic Lantern Web Resource [1] hat zum Ziel, vorhandene Informationen zu Glasdias, Projektionsapparaten, Hersteller*innen und Aufführungen zusammenzutragen. Bislang sind über 150.000 einzelne Glasdias nachgewiesen, davon mehr als 43.000 mit einer digitalen Abbildung. Lucerna ist direkt oder über das Datenbank-Infosystem (DBIS) [2] frei zugänglich.

Wer schon immer wissen wollte, wie Wissenschaftler*innen ihre Forschungsreisen (und sich selbst) inszenierten, wird die Bildserie des niederländischen Biologen August Adriaan Pulle von 1922 in das damals noch kolonialisierte Surinam [3] oder auch die Dokumentation einer Forschungsreise Utrechter Astronomen zur Beobachtung der Sonnenfinsternis 1952 in Khartoum [4] aufschlussreich finden.

Death of the wolf
Glasdia „Death of the Wolf„: Die letzte Abbildung der Rotkäppchen-Serie
von Theobald (c. 1890). Archiv Glasbild: Dodie Masterman Collection.
Copyright Digitalisat © 2019 Lucerna Magic Lantern Web Resource CIC.

Auch Grimm-Fans kommen auf ihre Kosten: Zu vielen Märchen lassen sich Bildserien finden. Im Vergleich der Bildserien fällt auf, dass etwa die Rotkäppchen-Serien verschiedener Hersteller unterschiedlich enden (Achtung, Spoiler). Wird der Wolf am Ende der Ausgabe von Theobald (c. 1890) brutal erschlagen [5], so wird er in der nur wenige Jahre später erschienenen Ausgabe von Butcher & Sons (c. 1905) an einen Zirkus gegeben [6]. Für die damalige Zeit sicherlich die tierfreundlichere Alternative, aber nach heutigen Standards auch nicht wirklich artgerecht…

The Wolf sold to a Wild Beast Show
Das etwas andere Ende der Rotkäppchen-Serie von Butcher & Sons (c. 1905):
Hier endet der Wolf in einem Zirkus. „The Wolf Sold to a Wild Beast Show“.
Glasbild: Private Sammlung. Coyright Digitalisat © 2012 John Hyett

Apropos Tiere: Wer denkt, dass süße Katzen erst in Social Media oder, wie im Homeoffice #Tipp2 [7] erwähnt, in den frühen Zeiten des Internet berühmt wurden, irrt sich, wie diese Bildserie der Sammlung im Royal Albert Memorial Museum in Exeter zeigt [8]. Des Weiteren gibt es zig historische Stadtansichten und jede Menge melodramatische, christlich-religiöse Geschichten zur Armenfürsorge und zur Abstinenzbewegung, die das Publikum zum Handeln auffordern sollten.

Gewächshaus mit Kakteen
Ein stolzer, gewissenhaft dreinschauender Gärtner. „Gewächshaus mit Kakteen“.
Glasbild 8 der Serie Kakteen und andere Sukkulenten (Ed. Liesegang, 1928).
Sammlung Eye Film Institute Netherlands. Digitalisat copyrightfrei (CC0 2017).

Es fällt mir schwer zu sagen, was mein Lieblingsbild ist, aber der stolze Gärtner in der Bildserie “Kakteen und andere Sukkulenten” [9] gehört ebenso dazu wie die Geschichte der “The Lady Cyclist” [10], die den Traum einer Dame nach Freiheit und Autonomie in einer Komödie aufnimmt: Vor etwas mehr als 100 Jahren wurden nicht nur Frauen lächerlich gemacht, die für ihr Wahlrecht kämpften, sondern auch jene, die Fahrrad fuhren (wie sollte das auch gehen, mit langem Rock und ohne die Knöchel zu entblößen, also ohne sich skandalös und “unweiblich” zu verhalten?).

Finding the bridge broken she leaped the fearful chasm
„Finding the bridge broken she leaped the fearful chasm“ –
Bild 10 der Serie The lady cyclist (Bamforth & Co., 1896).
Private Sammlung. Copyright Digitalisat © 2014 Stephen Massie.

So sind die Glasdia-Serien mehr als nur eine Sammlung hübscher Bilder, sie geben zugleich einen Einblick in historische Bildwelten und Moralvorstellungen derjenigen, die diese Bilder produzierten und in Umlauf brachten. Wenn Ihnen ein Objekt besonders gefällt, kopieren Sie den Link ins Kommentarfeld. Wir sind gespannt!

Links:
[1] LUCERNA Magic Lantern Web Resource http://lucerna.exeter.ac.uk/
[2] LUCERNA im Datenbank-Infosystem (DBIS)
[3] Prof Pulle’s Botanical Expedition in Suriname 1920/21 (zugeschriebener Titel) http://lucerna.exeter.ac.uk/set/index.php?language=EN&id=3009187 . Ausführlicher habe ich darüber geschrieben in „Die Glasbilder der Surinam-Expedition des Utrechter Botanikers Prof. August Adriaan Pulle (1920/21)“ in Objektkulturen der Sichtbarmachung. Instrumente und Praktiken, hg. von Ernst Seidl, Frank Steinheimer und Cornelia Weber, Berlin 2018. https://doi.org/10.18452/19734
[4] Astronomy Sonnenborgh – box 46 (zugeschriebener Titel) http://lucerna.exeter.ac.uk/set/index.php?language=EN&id=3009129
[5] Little Red Riding Hood (Theobald, c. 1890) http://lucerna.exeter.ac.uk/set/index.php?language=EN&id=3005970
[6] Little Red Riding Hood (Butcher & Sons, c. 1905) http://lucerna.exeter.ac.uk/set/index.php?language=EN&id=3000019
[7] Home-Office Tipp #2: https://blog.ub.uni-kassel.de/blog/2020/03/25/homeoffice-tipp2-ein-archiv-fuer-webseiten/
[8] Weaver Baker Collection: photographs of cats and kittens (zugeschriebener Titel) http://lucerna.exeter.ac.uk/set/index.php?id=3007968
[9] Kakteen und andere Sukkulenten (Ed. Liesegang, c. 1928) http://lucerna.exeter.ac.uk/slide/index.php?language=EN&id=5104240
[10] The lady cyclist (Bamforth & Co., 1896) http://lucerna.exeter.ac.uk/set/index.php?language=EN&id=3001217

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