Im Jahr 2026 feiern die USA ein großes Jubiläum: 250 Jahre Unabhängigkeit. Auch junge Männer aus Hessen waren Teil dieses welthistorischen Umbruchs. Landgraf Friedrich II. rekrutierte mehr als 12.000 Freiwillige, darunter auch etwa 40 Männer aus Vellmar, die an der Seite der britischen Krone in den Unabhängigkeitskrieg zogen. Einer dieser Männer war der erst 16-Jährige Johannes Reuber aus Niedervellmar. Was hat ihn angetrieben und wie hat er den Krieg erlebt? Sein Tagebuch, das heute in der Landesbibliothek Kassel aufbewahrt wird, erzählt sehr anschaulich von diesen Ereignissen. Es liegt in digitaler Form auf unserem Online-Repositorium ORKA bereit.

Auf ORKA kann jeder – ob in Kassel oder Koblenz – kostenlos in den einzelnen Seiten blättern und Geschichte(n) lesen. Dies gestaltet sich nicht immer ganz so einfach, denn die Tagebucheinträge sind in der zur damaligen Zeit üblichen deutschen Kurrentschrift geschrieben, einer bis etwa in die 1920er Jahre gebräuchlichen Handschrift. Im Rahmen von drei ORKA-Workshop-Terminen erhielten interessierte Teilnehmerinnen und Teilnehmer im März die Gelegenheit, sich mit dem Tagebuch und der Schrift Johannes Reubers vertraut zu machen und einzelne Seiten am Laptop zu transkribieren, d. h. in maschinenlesbare Texte zu übertragen. So können auch Personen, die die Kurrentschrift (noch) nicht gut entziffern können, den Inhalt des Tagebuchs lesen. Johannes Reuber schrieb mit Feder und Tinte, einzelne Worte hat er mit Bedacht und meist gut leserlich notiert. So erfahren wir auf der ersten Seite des Tagebuchs 1775/1776, dass er „wart gebohren [am] 25. Febri. 1759 und meine Muter starb im Wochen Bette […]. Der Vater war Herman Reuber […].

Reuber wird im September 1775 als Soldat in das hessische Regiment des Generals Johann Gottlieb Rall aufgenommen und ausgebildet. „Das hätte mein Enkel sein können, der da in den Krieg zieht.“, kommentiert eine Teilnehmerin. Im März 1776 erfolgt der Abmarsch vom Standort Grebenstein entlang der Weser bis nach Bremerlehe, dem heutigen Gebiet von Bremerhaven. Während dieses wahrscheinlich strapaziösen, etwa vierwöchigen Fußmarsches wiederholen sich einzelne Formulierungen wie diese vom 27. Mär(t)z 1776: „Des morgens wurde wieder auf gebrochen und den gantzen dag wieder marschiert, Bis gegen abend, kahmen wir es in Daß nacht qartier …“ (https://orka.bibliothek.uni-kassel.de/viewer/image/1679653711804/114/). Am Folgetag schreibt er: „Wurde wieder marschiert, den Dag, weill es wieder abend wartt …“. Diese Wiederholungen erleichtern das Wiederkennen einzelner Worte und Buchstaben und gewöhnen das Auge langsam an die ungewohnte Schreibweise.
Hier fällt dem ein oder anderen vielleicht auch eine Besonderheit im Schriftbild Reubers auf: Er schreibt uff Nordhessisch, was bei den Teilnehmerinnen und Teilnehmern für Sympathie sorgte. Zusätzlich fallen Begriffe wie „gantzen“, „kahmen“, „dag“ oder „nacht quartier“ ins Auge, die dem ein oder anderen falsch erscheinen. Sie werden bei der Transkription auf ORKA aber so „fehlerhaft“ übernommen. Dadurch entsteht ein authentisches Abbild des Originaltexts. Darüber hinaus fließen in späteren Einträgen englische und französische Begriffe mit ein, die Reuber nach reinem Hörensagen notierte. Wahrscheinlich war Reuber als Sohn eines Tagelöhners mit diesen Sprachen zunächst nicht vertraut und eignete sie sich selbst durch den Kontakt mit englischen Seeleuten an. So gibt sich Reuber viel Mühe, die Namen der 17 englischen „Drantzport Schiffe“ abzubilden: https://orka.bibliothek.uni-kassel.de/viewer/image/1679653711804/118/
Zeichnungen der einzelnen, mit Buchstaben versehenen Schiffe finden sich auf dem nächsten, ausklappbaren Blatt: https://orka.bibliothek.uni-kassel.de/viewer/image/1679653711804/119/

Die Zeichnung ist eine von mehreren farbigen Abbildungen, die Reuber von Schiffen, aber auch von Orten, wie Münden oder der Wesermündung in die Nordsee angefertigt hat. Auch das macht das Tagebuch so besonders und einzigartig. Im Workshop erfahren die Teilnehmenden, dass Reuber nach einer etwa dreimonatigen Schifffahrt im August 1776 mitsamt seiner Schiffsbesatzung wohlbehalten im Raum New York ankommt und schon nach kurzer Zeit in Kampfhandlungen involviert war. Wie es ihm in Amerika erging, ob er verwundet wurde oder überhaupt zurückkehrte, können Sie selbst im Tagebuch nachlesen. Einige Workshop-Teilnehmende möchten das Transkribieren weiterhin fortsetzen. Wer selbst mit transkribieren möchte, kann sich auf der ORKA-Plattform registrieren (Infos und Hilfe: FAQs Citizen Science oder orka@bibliothek.uni-kassel.de)
Haben wir Ihr Interesse geweckt? Dann nehmen Sie gerne an unserem nächsten ORKA-Workshop teil! Im Mai reisen wir auf den Spuren des Johann Peter Becker von Pommern bis nach England: https://veranstaltungen.uni-kassel.de/event/wegspuren-aus-papier-und-tinte-peter-johann-beckers-reise-journal-von-1695-1696.
Ein Beitrag von Nadine Harring (Citizen Science in der UB/LMB Kassel)

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