Sichtbarkeit von Forschenden, Teil 1 / 5
Stellen Sie sich vor: In einer Besprechung sucht die Professorin kurzfristig jemanden für eine DFG-Gutachterstelle – genau Ihr Thema. Der Blick fällt auf einen Postdoc aus einer anderen Gruppe, den jemand über Google Scholar gefunden hat. Ihre drei Paper dazu sind gerade erschienen. Aber niemand weiß es.
Oder: Das Forschungsdezernat schickt eine Mail mit 48-Stunden-Frist, gesucht wird ein:e Kooperationspartner:in für einen EU-Horizon-Antrag. Die Kollegin aus dem Nebenbüro hat bereits zugesagt – ihr Profil war verlinkt, ihre aktuelle Arbeit sofort auffindbar.
Solche Momente passieren häufiger, als man denkt. Und sie fallen in der Regel zu Lasten derer aus, die zwar gute Arbeit leisten, aber nicht sichtbar sind.
Sichtbarkeit ist keine Selbstvermarktung
Gerade in der Promotions- und Postdoc-Phase liegt Ihr Fokus zu Recht auf der Forschung selbst. Sichtbarkeit klingt dann schnell nach einem Zusatz, der Zeit kostet, die Sie nicht haben – oder nach etwas, das sich irgendwie unangenehm anfühlt. Dabei geht es um etwas Grundlegenderes: Wissenschaft lebt vom Austausch. Eine Publikation, die nicht gefunden wird, entfaltet keine Wirkung – egal wie gut sie ist. Fördergeber wie die DFG prüfen Track Records über ORCID und Forschungsinformationssysteme. Potenzielle Kooperationspartner:innen googeln vor dem ersten Kontakt. Wenn Sie noch kein etabliertes Netzwerk haben, sind Sie auf auffindbare Profile angewiesen – mehr als andere.
Man könnte all das „Akademisches Identitätsmanagement“ nennen: eine aktive, aber gut handhabbare Praxis, bei der Sie Ihre Profile pflegen und die Sichtbarkeit Ihrer Arbeit bewusst mitgestalten. Forschende, die das tun, berichten außerdem von mehr Rückhalt und Unterstützung aus ihrem Umfeld1 – Sichtbarkeit stärkt also nicht nur Ihre Karrierechancen, sondern auch das Gefühl, in der wissenschaftlichen Community dazuzugehören.
Orientierung in einer unübersichtlichen Landschaft
Wenn Sie sich zum ersten Mal damit beschäftigen, stoßen Sie schnell auf eine unübersichtliche Landschaft: Personen-IDs, Profilplattformen, Netzwerkdienste, institutionelle Systeme – und überall das Versprechen, sichtbarer zu werden. Manche dieser Dienste vergeben Identifikatoren, die plattformübergreifend funktionieren und auf Dauerhaftigkeit ausgelegt sind, wie ORCID oder die bibliothekarische GND. Andere entstehen automatisch im Hintergrund, wenn Verlage oder Indexierungsdienste wie Scopus oder Web of Science Publikationen den Autor:innen zuordnen. Wieder andere – ResearchGate, Academia.edu, Google Scholar, LinkedIn – setzen stärker auf direkte Sichtbarkeit und Community. Auf institutioneller Ebene kommen Forschungsinformationssysteme wie Converis dazu, aber auch die Profilseiten auf den Webseiten von Fachbereichen und Instituten, die oft unterschätzt werden. Und schließlich gibt es output-gebundene Identifikatoren wie DOIs, die weniger ein Profil im eigentlichen Sinne sind, aber ebenfalls zur Auffindbarkeit beitragen.
Die Frage ist also nicht, wo Sie überall präsent sein könnten – sondern wo sich der Aufwand für Sie lohnt.
Womit man anfangen sollte – und was warten kann
Die gute Nachricht: Sie müssen nicht überall präsent sein. Es gibt eine überschaubare Zahl von Diensten, die Sie im Interesse Ihrer eigenen Sichtbarkeit pflegen sollten – und viele, bei denen der Aufwand den Nutzen kaum rechtfertigt.
Grob gesagt lässt sich unterscheiden zwischen einem Kern, den Sie in jedem Fall brauchen, und einem Rest, der je nach Fachkultur und Karrierephase ergänzend sinnvoll sein kann. Zum Kern gehören eine ORCID-ID als plattformübergreifende Forschungsidentität, ein öffentliches Google Scholar-Profil für die Auffindbarkeit über die Websuche, ein gepflegtes Profil in Converis, dem Forschungsinformationssystem der Uni Kassel, und Ihre eigene Profilseite im Fachbereich oder Institut. Wenn Sie diese vier Bausteine eingerichtet haben, erreichen Sie damit den weitaus größten Teil der relevanten Sichtbarkeit – global wie lokal. Plattformen wie ResearchGate, LinkedIn oder Academia.edu können je nach Disziplin und Ziel dazukommen, sind aber kein Muss für den Einstieg.
In den nächsten Teilen der Blogserie schauen wir uns die einzelnen Bausteine dieses akademischen Identitätsmanagements genauer an: Wie richten Sie ORCID und Google Scholar sinnvoll ein, und was bringt die Verknüpfung mit Converis und Ihrer eigenen Institutswebseite konkret? Welche Rolle spielen kommerzielle Plattformen wie ResearchGate oder LinkedIn – und wann lohnen sie sich für Sie wirklich? Und was können Sie darüber hinaus tun: bei Konferenzen, durch Wissenschaftskommunikation, Gremienarbeit oder den gezielten Einsatz weiterer Identifikatoren und Zweitveröffentlichungen?
Ihr erster Schritt muss dabei nicht perfekt sein. Er muss nur gemacht werden.
Veranstaltungen zur Sichtbarkeit von Wissenschaftlerinnen
Diese zwei Veranstaltungen der Stabsstelle Gleichstellung richten sich an Wissenschaftlerinnen* und vermitteln, wie die eigene Forschung und Expertise prägnant und überzeugend präsentiert werden können: Eine sinnvolle Ergänzung zur Online-Sichtbarkeit, die wir in dieser Blogserie in den Fokus nehmen.
- 05.11.2026, 10:30–12:00 Uhr: „Vernetzen will gelernt sein – sichtbar werden im Wissenschaftssystem“
Weitere Informationen und Anmeldung
Im Mittelpunkt stehen die strategische Gestaltung von Sichtbarkeit, der Aufbau und die Nutzung von Netzwerken sowie deren Bedeutung für die wissenschaftliche Karriere. - 05.11.2026, 13:00–17:00 Uhr: „Science Pitch für Wissenschaftlerinnen – sichtbar werden, überzeugen, in Erinnerung bleiben“
Weitere Informationen und Anmeldung
Des Weiteren wird sich ein virtuelles Postdoc-Meeting mit dem dem ZIA Programm der Wochenzeitung DIE ZEIT, das Frauen in der Wissenschaft sichtbar macht, beschäftigen.
- 26.11.2026, 12:30-13:30 Uhr: „Visible Women in Science“
Weitere Informationen
Diese Blogserie entsteht in Zusammenarbeit mit der Graduiertenakademie der Universität Kassel. Fragen zur Einrichtung von Forschungsprofilen beantwortet das Team der UB Kassel gerne.

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Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz.
- A. J. Abler, N. Born, I. M. Welpe, Wer von Sichtbarkeit profitiert, Forschung & Lehre, 25.09.2025, https://www.forschung-und-lehre.de/karriere/wer-von-sichtbarkeit-profitiert-7302, zuletzt abgerufen am 26.08.2026. ↩︎
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